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Engel in Orange - Konfliktlösung auf Augenhöhe

Umfeld

Die Grundschule Delfter Straße befindet sich in einem Bremer Stadtteil, der zu den sozialen Brennpunkten der Stadt gehört: Huchting. Die Schülerinnen und Schüler bringen aus ihren Familien vielfältige kulturelle, ethnische und religiöse Hintergründe und somit auch unterschiedliche Wertesysteme mit. Sie kommen mehrheitlich aus sozial schwachen und/oder bildungsfernen Elternhäusern, in denen soziale Erziehung keinen hohen Stellenwert hat und selten klare Strukturen und Regeln vermittelt werden.

Diese Heterogenität birgt neben seiner bereichernden Wirkung ein großes Konfliktpotential. An unserer Schule kommt es immer wieder zu Konflikten, die so in anderen Stadtteilen vielleicht nicht auftauchen.

Schulengel

Um diesen Konflikten zu begegnen wurde im Sinne einer auch demokratischen Erziehung das Konzept der Schulengel entwickelt. Dabei werden Kinder der dritten Klassen zu Streitschlichterinnen und Streitschlichtern ausgebildet und ihnen somit eine Teilverantwortung an der Lösung der Konflikte übergeben. Der Name Schulengel wurde von den Kindern selbst gewählt und betont den helfend-unterstützenden Aspekt der Streitschlichtung, nicht den wertend-richtenden.

Konfliktlösung auf Augenhöhe

Die Schulengel sind täglich in beiden Hofpausen in ihrer orangefarbenen Uniform auf dem Schulhof unterwegs und unterstützen die Kinder bei der Lösung von Konflikten. Im Vergleich zur herkömmlichen Konfliktlösung durch Lehrkräfte ist dieses Konzept demokratischer (Konfliktlösung auf Augenhöhe), aber v.a. sozial nachhaltiger, da Konfliktlösestrukturen immer wieder praktiziert und geübt werden.

Ausbildung

Mitte des Schuljahres schlagen die dritten Klassen einzelne Kinder für die Ausbildung zum Schulengel vor. Auf einer KlassensprecherInnen-Versammlung werden aus diesen Vorschlägen ca. 20 Kinder demokratisch gewählt, die daraufhin die Ausbildung zum Schulengel beginnen. Diese Ausbildung (wöchentlich 1,5 Stunden) findet in der Freizeit der Kinder statt und bekommt dadurch eine größere Wichtigkeit.

Zu Beginn des Schuljahres werden die Schulengel (dann Viertklässler) nach einer ca. fünfmonatigen Ausbildung feierlich als Schulengel eingeführt. Während der Zeremonie bekommen sie neben ihrer orangefarbenen Uniform mit Namensschild eine Urkunde und werden der SchülerInnen- und LehrerInnenschaft nochmals namentlich vorgestellt.

Danach sind die Schulengel – anfangs unterstützt durch die Sozialtrainerin, später immer zu zweit – auf dem Schulhof unterwegs. Dabei schlichten die Schulengel nicht nur akute, direkt sichtbare Konflikte, sondern versuchen auch durch ihre Präsenz auf dem Schulhofgelände eine Atmosphäre der Friedfertigkeit zu schaffen oder auch „nur“ einmal tröstende Worte zu spenden.

Parallel dazu wird in allen Klassen das Vorgehensmuster der Konfliktlösung besprochen bzw. wiederholt (s.u.).

Konfliktlösung

Die Lösung der Konflikte läuft immer nach einem bestimmten Muster ab. Nach der Unterbrechung des Konflikts (Stoppregel) werden die beteiligten Parteien – Rücken an Rücken stehend – wertfrei angehört. Die Aussagen werden auf richtiges Verständnis überprüft („Ich habe das so und so verstanden. Ist das richtig?“) und emotionale Befindlichkeiten berücksichtigt („Wie geht es dir gerade?“). Danach erarbeiten die Schulengel mit den Beteiligten einen Lösungsvorschlag, der je nach Konfliktqualität unterschiedliche Konsequenzen haben kann.

Integration

Um Lagerbildung aufzubrechen (die Guten / die Schlechten), Stigmatisierung zu verhindern (nur Streber werden Schulengel), aber auch um einmal mehr den Integrationsaspekt in den Fokus zu stellen, werden seit zwei Jahren auch Kinder zu Schulengeln ausgebildet, die im sozial-emotionalen Bereich noch unsicher sind oder Schwierigkeiten haben. Auch im aktuellen Durchgang konnte ein Kind, das vorher deutlich aggressiv war, an der Schulengelausbildung teilnehmen.

Die Entscheidung hierfür fiel gemeinsam mit den Eltern und den zuständigen Lehrkräften und war eine Entscheidung für eine Ausbildung mit Probezeit, in der sich das Kind bewähren musste. Es konnte sein eignes Verhalten wesentlich verbessern und füllt derzeit mit Stolz eine Vorbildfunktion auf dem Schulhof aus. Auch Kinder aus anderen Klassen äußern sich positiv über die soziale Entwicklung des Kindes, z.B. „Du hast dich sehr verändert...“.

Akzeptanz

Generell ist die Akzeptanz der Schulengel durch andere Kinder relativ hoch. Vom größten Teil der SchülerInnenschaft werden sie als helfende Instanz akzeptiert und ihnen der gewünschte Respekt entgegengebracht. Auch die Wirkung der Schulengel als Vorbilder ist hauptsächlich positiv. Die Schülerinnen und Schüler der 1. und 2. Klasse hört man sagen: „Später will ich auch Schulengel werden und den anderen Kindern helfen. Das finde ich toll!“.

Am Ende der 4. Klasse wird den Schulengeln nochmals eine besondere Wertschätzung entgegengebracht. Vor der Verabschiedung aller Viertklässler wird ihnen gesondert gedankt und sie werden bejubelt. Und so mancher steht dann da und sagt: „Ich bin richtig stolz. Stolz, dass ich Schulengel sein durfte, ein Engel in Orange!“

Engel in Orange - Konfliktlösung auf Augenhöhe

Grundschule Delfter Strasse
Delfter Strasse 10
28259 Bremen

silgele@web.de

Themen

Konfliktmanagment
Streitschlichtung
Toleranz

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